Life

5 Bücher für den Herbst

Ich könnte jetzt zu Beginn einige schöne Klischees auspacken. Wie das Lesen unter der Kuscheldecke an grauen Herbsttagen etwa. Aber diese plakativen Gemeinplätze lasse ich unangetastet, habe ich doch jedes der hier fünf aufgezählten Bücher in der Hitze des Sommers 2017 gelesen.

Es ist nämlich geschehen: nachdem ich viele Jahre lang auf das papierne Exemplar Buch geschworen und seine Überlegenheit jedem ungefragt gegenüber wortreich verteidigt habe, bin ich der Bequemlichkeit erlegen und habe mir einen E-Reader besorgt. Und dieser hat mich den Sommer über verführt, immer noch ein neues Buch zu kaufen. Welche fünf Exemplare mir dabei ganz besonders im Gedächtnis geblieben sind und deswegen eine Empfehlung von mir an euch sind, könnt ihr hier nachlesen:

 

 

Hari Kunzru – White Tears

Dieses Buch hat so sehr Eindruck bei mir gemacht, dass es ich gleich verschenkt habe. Es kam mir auf irgendeiner amerikanischen Website unter, und wurde, kurz nachdem ich es beendet hatte, in höchsten Tönen von der Süddeutschen gelobt.

Der in NYC lebende Brite Kunzru schreibt über ein Lied. Eines, das von Seth auf seinen Streifzügen durch New York in Bruchstücken aufgenommen, von ihm und seinem Freund Carter – wie er musikbegeistert bis zum Fanatismus – remixt und unter dem Pseudonym Charlie Shaw veröffentlicht wird. So weit, so gut. Richtig schräg wird die Sache dann, als Charlie Shaw irgendwie zu existieren beginnt: plötzlich verschwimmen Zeitebenen, Orte und Menschen. Der Roman handelt von Cultural Appropriation, Klassenunterschieden von damals und heute und dem Blues im tiefen Süden der USA.

 

 

Sunil Yapa – Your Heart is a Muscle the Size of a Fist

Ein Roman über die Ministerkonferenz der Wirtschafts- und Handelsminister der WTO in Seattle im Jahre 1999? Klingt erstmal ein wenig trocken. Nicht trocken aber ist das Debüt dieses Amerikaners mit Wurzeln in Sri Lanka, das aus den Blickwinkeln der Beteiligten an den Protesten erzählt wird. Das dicht gewebte Netz aus Antiglobalisierung, detaillierten Pfeffersprayattacken, innerer Zerissenheit eines Wirtschaftsministers aus einem Dritte-Welt-Land, und den inneren Beweggründen von Polizeibeamten fesselt und lässt mit seinem Ende einige Fragen offen.

 

ela angerer die nacht prahlt mit kometen bücher für den herbst

 

Ela Angerer – Und die Nacht prahlt mit Kometen

Nüchtern und schnörkellos schreibt Ela Angerer über die (selbst-)zerstörerische Liebe zu Bojan in Wien, für den sie sich bis zur Besinnungslosigkeit aufgibt. In zwei Erzählebenen schreibt sie aus Sicht von Vie, der jungen Erwachsenen in den Achtzigern, die dem gutbürgerlichen Elternhaus aus Döbling enkommen will – und stellt ihr Vie als 49-Jährige gegenüber, die nach Drogenexzessen Bojan entkommen ist. Wenn auch nicht ganz…

 

 

Bill Clegg – Fast eine Familie

„Did you ever have a family“ ist der einzige Roman, den ich diesen Sommer in deutscher Übersetzung gelesen habe. Die New York Times fand das Buch toll, und auch ich war von dem zarten, andächtigen Werk berührt. Engmaschig wird auch hier wieder aus der Sicht mehrerer Personen erzählt, unter anderem aus der Perspektive von June, deren Haus am Hochzeitstag ihrer Tochter in Flammen aufgeht, und in ihm alle Menschen, die sie liebt. Unter ihnen Luke, ihr zwanzig Jahre jüngerer, afroamerikanischer Freund, dessen Mutter Lydia im Roman eine der Hauptstimmen bekommt. Immer mehr und mehr Schichten der Familie werden freigelegt und Stränge zu anderen Menschen gesponnen.

 

Bücher für den Herbst

 

Rachel Khong – Goodbye, Vitamin

Ruths Vater, der charmante, frauenverführende Universitätsprofessor bekommt die Diagnose Alzheimer. Das, und ihre gelöste Verlobung sind der Grund dafür, dass die Protagonistin aus San Francisco weg und wieder zurück in ihr Elternhaus zieht. Plötzlich steht sie als Erwachsene ihrem verstörtem, aber noch immer einnehmenden Vater und der in ihren Grundfesten erschütterten Mutter gegenüber und wird mit Problemen aus der Vergangenheit konfrontiert. Der Roman wechselt rasant zwischen absurd komischen und deprimierenden, leisen Szenen: schrullig, unkonventionell und versöhnlich.

 

 

Wer will, kauft sich nun alle fünf Bücher beim Buchhändler seines Vertrauens und erzählt mir, wie er sie gefunden hat (Sie sind alle gut. Schwöre!).