Life

Mein Geburtsbericht

Mit nahezu wahnsinnigem Eifer habe ich im Verlaufe meiner Schwangerschaft Geburtsberichte gelesen. Solche, die als positiv beworben wurden, aber auch dramatische. Jene, die von mir unbekannten Frauen in Foren geschrieben gewurden, habe ich mit dem gleichen Interesse verschlungen, wie die von anderen Bloggerinnen, die ich teils aus dem realen Leben kenne. Ich habe Verwandte, Freundinnen, Kolleginnen gefragt, wie das bei ihnen war. Und ich habe wohl jedes Birth-Story-Video von amerikanischen YouTuberinnen gesehen.

Ich weiß im Endeffekt weder, ob es geholfen, noch ob es geschadet hat. Ich habe mich aber einfach gut vorbereitet gefühlt – ich wusste, dass jede Geburt anders ist und einen Ausnahmezustand darstellt.

Mein geplanter Geburtstermin war der 24. Juli 2018. Nachdem Anton jedoch SGA – Small for Gestational Age, also immer sehr klein – maß, war ich mir sicher, dass er sich eher mehr Zeit lassen, als zu früh kommen würde.

Am Tag vor der Geburt, 13 Tage vor dem Entbindungstermin, war ich also noch überhaupt nicht darauf eingestellt, dass es bald losgehen könnte. Ich war am Vormittag noch auf einem Event, Kaffeetrinken mit anderen Bloggerinnen, mit Freunden beim Thailänder essen und sah am Abend in größerer Runde das WM-Spiel England gegen Kroatien. Nichts deutete darauf hin, dass ich am nächsten Tag mein Baby in Händen halten sollte.

8:00 Am nächsten Morgen wachte ich um 8:00 auf, als mein Mann gerade zur Arbeit gehen wollte. Ich wollte mich noch von ihm verabschieden und ging kurz auf die Toilette. Beim Abtupfen bemerkte ich, dass ich mich, egal wieviel Toilettenpapier ich verwendete, nicht trocken anfühlte. Aus dem Klo rief ich meinem Mann zu, dass irgendetwas komisch sei und er noch kurz warten solle, bevor er das Haus verließe, ich aber nicht wisse, was los sein. Als ich zuück ins Schlafzimmer ging, war die Unsicherheit schlagartig weg: ich fühlte, wie schwallweise Fruchtwasser abging.

9:00 Mein Mann rief den Krankenwagen und begann, nervös zu werden, als dieser nach 45 min noch nicht angekommen war. Ich lag währenddessen flach im Bett, spürte noch keinerlei Wehen und war recht amüsiert über seine Unruhe. Schlussendlich tauchten zwei Sanitäter auf, trugen mich auf einer Trage in den Krankenwagen und los ging die Fahrt ins zehn Minuten entfernte Landeskrankenhaus.

10:00 Dort wurde ich ans CTG gehängt und mein Muttermund untersucht. Dieser war erst 1 cm geöffnet und ich noch völlig schmerzfrei. Nach einer Stunde kam der Oberarzt und eröffnete mir, dass das die Kreißsäle des Landeskrankenhauses überfüllt wären und fragte mich, ob es für mich in Ordnung wäre, mit dem Krankenwagen ins nächste Krankenhaus nach Hallein zu fahren. Hallein ist etwa 30 min von Salzburg entfernt, was natürlich eine Spur unpraktischer für uns war, trotzdem stimmte ich zu.

 

 

13:00 In Hallein wurde festgestellt, dass mein Muttermund mittlerweile 3 cm geöffnet war, sich wehentechnisch aber immer noch nichts rührte. Nach einer Stunde bekam ich eine Prostin Tablette, um wortwörtlich: „alles etwas anzustupsen“ – dass das quasi eine medikamentöse Einleitung war, war mir zu dem Zeitpunkt nicht klar. Wir wurden in ein Übergangszimmer geschickt, wo ich derweil meine Sachen abstellen konnte. (Den Inhalt meiner Kliniktasche könnt ihr hier nachlesen)

16:00  Während eines längeren Spaziergangs im Park des Krankenhauses begann ich plötzlich, ein leichtes Ziehen zu bemerken. Mein Mann und ich gingen zurück ins Zimmer, wo ich wieder ans CTG gehängt wurde und gegen 17:00 die ersten unregelmäßigen Wehen festgestellt wurden. Trotz ihrer Unregelmäßigkeit empfand ich sie von Anfang an als stark und schwer zu ertragen. Diese Wehen fühlten sich an wie ein Krampf, der langsam angerollt kam und wie eine Welle über mir zusammenschlug. Der Schmerz bahnte sich donnergrollenartig an und war für mich nicht nur im Bauch, sondern im ganzen Oberkörper zu spüren. Um ihn zu erleichtern, stemmte ich mich mit den Füßen gegen die untere Bettkante.

18:00 Die Wehen wurden immer regelmäßiger und mir war schon zu diesem Zeitpunkt klar: ohne eine PDA würde ich das nicht durchstehen. Ich äußerte den Wunsch nach einer, wurde aber von der Hebamme überredet, es vorher noch in der Gebärwanne zu versuchen.

Auf dem Weg zur Wanne im Kreißsaal schaffte ich es sogar noch einmal, selbst auf die Toilette zu gehen. Ich saß auf der Klobrille, als sich die nächste Wehe ankündigte und starrte völlig ungläubig vor mich hin: es kam mir unmöglich vor, dass ein Körper plötzlich so ein Progamm fahren konnte. Was hat sich die Natur dabei gedacht?!

19:00 Die Gebärwanne hatte ich im Vorfeld immer so romantisch und natürlich empfunden. Als ich nun selber mit Wehen drin saß, verfluchte ich die Welt. Eine Stunde hielt ich es darin aus, und ich gab darin bestimmt nicht das Bild einer in sich ruhenden Gebärenden ab. Im Gegenteil: ich erfüllte jedes Hollywood-Klischee. Ich erinnere mich noch, dass ich kurzzeitig an die Friends-Folge dachte, in der Rachel Green ihr Baby bekommt und mir klar wurde: die übertreiben nicht! Ich versuchte, die Wehen unter Anleitung der Hebamme zu veratmen, schaffte es aber nur schwer und schrie. Das war mir in dem Moment wirklich peinlich, aber ich konnte nichts daran ändern. Aus mir kam ein Brüllen, das raus musste. Allerdings war das noch nicht alles, was ich an Theatralik aufbot: ich forderte die Anwesenden schreiend auf, mich umzubringen, versicherte jedem niemals wieder ein Kind zu bekommen und verlangte, dass man das Kind jetzt auf der Stelle einfach irgendwie aus mir rausziehen müsse. Nach einer Stunde in der Wanne und 5 cm geöffnetem Muttermund war allen klar: ohne PDA ging hier echt nichts mehr.

19:30 Ich verließ die Wanne und das lange Warten auf den Anästhesisten, der die PDA legen sollte, begann. Als dieser endlich kam und mir den Zugang in den Rücken legte, wollte ich ihn am liebsten umarmen. Dies war übrigens auch der einzige Zeitpunkt während der ganzen Geburt, in der mein Mann den Kreißsaal verließ – so eine Nadel im Rückenmark fand er doch zu heftig. Ich habe das Stechen überhaupt nicht gespürt. Die Wirkung ließ sich Zeit: erst eine Dreiviertelstunde später fühlte ich mich besser. Die Wehen klangen ab und ich spürte nichts mehr. Meine Beine konnte ich noch bewegen, es fühlte sich nur plötzlich alles sehr dumpf an – wie die Wangen, wenn man beim Zahnarzt eine Spritze bekommt.

21:00 Das Leben wirkte nun wieder lebenswert, die Stimmung war besser und ich konnte mich auf das Baby freuen. Sogar ein paar Bissen essen konnte ich nun, hatte ich doch den ganzen Tag über bloß Wasser aus dem Wasserbecher getrunken, den man mir vor den Mund gehalten hatte. Ich lag leicht aufgerichtet auf einem Bett und konnte mich gut ausruhen. Weil ich nicht mehr selber auf die Toilette gehen konnte, bekam einen Einmalkatheter, was sich unangenehm, aber nicht schmerzhaft anfühlte.

21:45 Die Hebamme untersuchte mich vaginal und hatte eine großartige Nachricht für mich: der Muttermund war nun 10 cm offen und bereits vollständig verstrichen. Es konnte losgehen! Leider hieß das aber auch, dass die PDA ausgeschaltet werden musste, damit ich die Geburt fühlen und selber pressen konnte. Zusätzlich wurde mir ein Wehenmittel gespritzt, um alles wieder in Gang zu bringen. Nach knapp 2h Schmerzfreiheit konnte ich mich allerdings gut darauf einstellen.

22:30 Die Wehen waren nun wieder stark zu spüren. Ich konnte sie allerdings viel besser veratmen und sie fühlten sich für mich produktiver und positiver an als vorher. Zunehmend war auch ein Pressdrang spürbar. Ich wechselte vom Bett auf den Gebärstuhl und fing an, mit den Wehen mitzupressen.

 

geburtsbericht

 

22:45 Pressen fühlte sich an wie Gewichte heben. Ein zu schweres Gewicht, dessen Stemmen schier unmöglich wirkt. Unter Anleitung der Hebamme setzte ich mich halbaufrecht auf die Seite und zog den Oberschenkel an meine Brust. Immer wieder wartete ich auf die Presswehen, die 3 min auseinander lagen, um mitzupressen. Von Mal zu Mal wurde das anstrengender. Was um mich passierte, nahm ich nicht mehr wahr. Wo mein Mann war, war mir in diesem Moment egal, ich hörte nur noch auf die Anweisungen der Hebamme. Ich merkte, wie sich gegen 23:06 der Kopf des Babies immer weiter nach unten schob. Mit den Händen klammerte ich mich krampfhaft am Gebärstuhl fest, auf dem ich seitlich hing, während ich verbissen und konzentriert arbeitete. Plötzlich änderte sich der Schmerz, und die Hebamme befahl mir, über den Druck, der sich aufbaute, so lange wie möglich drüberzuschieben. Und so wurden in einer Wehe Kopf und Schulter gleichzeitig geboren.

23:10 Ob ich einen Schrei gehört habe, weiß ich nicht mehr. Innerhalb von Sekunden wurde mir das Baby auf die Brust gelegt. Der Schmerz war schlagartig vorbei und das Wesen auf mir so perfekt. Es erschien mir wie ein Wunder, dass dieses fertige Menschlein noch einen Moment vorher in mir gewesen war. Am meisten faszinierten mich die winzig kleinen Fingernägel meines Kindes. Wie perfekt es war, wurde ich nicht müde, zu betonen. Anton war 49 cm groß, und 2950 g schwer. Eine halbe Stunde bondeten wir. Danach versuchte ich die Plazenta zu gebären, die sich jedoch auch mit (schmerzhafter) Hilfe der Ärztin nicht ablöste. Aufgrunddessen musste ich meinem Mann mein Baby überlassen und wurde rasch in den OP geschoben.

Obwohl ich keine Vollnarkose hatte, habe ich die OP nur lückenhaft in Erinnerung. Ich weiß nur noch, dass ich sehr gut gelaunt und mir sehr kalt war. Anschließend an die Aussschabung wurde mein Dammriss 2. Grades genäht – der mich noch 6 Wochen gequält hat! Nach einer Stunde wurde ich auf die Station gefahren, wo mich mein Mann und das Baby erwarteten. Er wurde mir wieder auf die Brust gelegt und ich dämmerte weg – als ich gegen 4:00 Uhr morgens aufwachte, war mein Mann inzwischen nachhause gefahren und ich bekam das herrlichste Butterbrot meines Lebens – noch nie hat eines so gut geschmeckt wie in dieser Nacht!

Ich habe weder eine schlimme oder traumatisierende, noch eine wunderschöne Geburt hinter mir. Für mich war es einfach eine Arbeit, die gemacht werden musste. Das Ergebnis der Geburt hingegen ist noch viel, viel schöner, als man es sich vorstellen kann und die ganze Mühe definitiv wert!